Heute ist es stattliche zwei Grad kühler als gestern. Da machen wir doch glatt statt eines «Full Beach Day» nur einen «Partial Beach Day» oder so ähnlich. Der Tag startet wiederum im Early-Bird-Modus und wer wissen will, ob ich mittlerweile richtig im Wasser war, muss unbedingt weiterlesen!
Es ist ein bisschen wie im Film Täglich grüsst das Murmeltier. Die Sonne geht auf und wir sind bereit für den Tag. Der Schlafbereich befindet sich über dem Wohnraum und ist über 14 Treppenstufen erreichbar. Ich glaube, man nennt das ein Mansardenzimmer.
Voller Tatendrang und Ambitionen - Achtung, kleiner Spoiler - laufe ich in Boardshorts und Rashguard die Treppe hinunter und werde sofort von purem Ekel in den Bann gezogen. What the hell?!
Über Nacht hat eine Möwe auf unseren Balkon gekackt. Vermutlich war es eher eine ganze Mövensippe. Tisch, Stühle, Bodenplatten, Fensterscheiben; Volltreffer auf ganzer Linie. Herzlichen Dank auch. Da die Bescherung noch einigermassen frisch zu sein scheint, schalte ich direkt in den Dekontaminierungsmodus und hole das Putzzeug. Sobald diese biologische Waffe einmal getrocknet ist, wird die Entfernung nämlich zum Endgegner. Ob Möwen eigentlich auch Sand fressen? Uhhhh ... ähhhh ... iiiii! Weitere Details erspare ich Euch. In diesem Moment kommt H-P ebenfalls die Treppe herunter, schaut kurz auf das Chaos und sagt: «Ah, wieder ein herrlicher Morgen!»
Danach geht’s direkt an den Strand und heute schaffe ich es tatsächlich bis knapp auf Brusthöhe ins Wasser. Dann ist aber auch gut. Lebensmüde bin ich dann doch nicht. Mit dem Kopf untertauchen? Für mich aktuell völlig unvorstellbar. Zur Erinnerung: Der Atlantik hat immer noch exakt 12 Grad Wassertemperatur.
H-P verfolgt das Ganze aus sicherer Distanz. Keine zehn Seelöwen würden ihn ins Wasser bringen. Ausser vielleicht mit der Garantie, dass die Schweiz endlich Eishockey-Weltmeister wird. Wir laufen unsere übliche Strecke dem Strand entlang und als wir zurückkommen, sind meine Badesachen bereits fast wieder trocken. Es ist mittlerweile so warm, dass ich beim Spaziergang überhaupt nicht gefroren habe. Das hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nie vorstellen können. St Ives als Badedestination. Verrückte Welt.
In Wanderklamotten fahren wir anschliessend nach Pendeen zur Geevor Tin Mine, heute ein tolles Bergbaumuseum. Eine Führung machen wir dieses Mal nicht, obwohl wir diese absolut empfehlen können. Der eigentliche Grund für unseren Besuch ist nämlich das Frühstück. Das hat uns bereits beim letzten Besuch komplett aus den Socken gehauen. Da heute ein Stück South West Coast Path auf dem Programm steht, brauchen wir eine solide Basis in Form eines vegetarischen Full Cornish Breakfast. Genau wie beim letzten Mal ist es sensationell.
Gut gestärkt erreichen wir rund 15 Minuten später unseren Ausgangspunkt: die ehemalige Botallack Mine. Die Botallack Mine gehört zu den spektakulärsten Orten Cornwalls. Ehrlich gesagt ist sie
einer dieser Plätze, bei denen man sich fragt, wie hier überhaupt Menschen arbeiten konnten. Die Mine war eine sogenannte Unterwasser-Mine. Die Stollen verliefen hunderte Meter unter dem
Meeresboden und teilweise mehr als einen halben Kilometer hinaus unter den Atlantik. Die Bergleute arbeiteten also nicht nur tief unter der Erde, sondern teilweise direkt unter dem Meer.
Die nachgewiesene Bergbaugeschichte reicht mindestens bis ins 16. Jahrhundert zurück. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass an dieser Küste bereits in der Römerzeit oder sogar schon in der
Bronzezeit Erz gewonnen wurde. Wer weiss das schon so genau? Wir waren schliesslich nicht dabei.
Während wir dem South West Coast Path folgen, fotografieren wir natürlich auch eines der bekanntesten Motive Cornwalls: die Crowns Engine Houses. Die kleinen Steingebäude stehen spektakulär auf den Klippen. Früher beherbergten sie die Dampfmaschinen, welche Wasser aus den Schächten pumpten und das Erz förderten. Hast Du fünf Staffeln Poldark auf Netflix durchgebinged? Dann kommt Dir dieser Ort ziemlich sicher bekannt vor. Gedreht wurde unter anderem genau hier.
Die Aussicht auf die Küste ist einmal mehr schlicht fantastisch und auch unser heutiges Mini-Teilstück des insgesamt 1'014 Kilometer langen Küstenwegs begeistert auf ganzer Linie. Zurück beim Auto gönnen wir uns im kleinen Restaurant noch etwas erfrischendes zu Trinken. Es ist auch heute wieder erstaunlich heiss und damit nicht gerade ideales Wanderwetter. Schön ist es trotzdem.
Wenn wir schon hier sind, nehmen wir auch Cape Cornwall noch mit. Schliesslich liegt es nur rund 20 Fahrminuten entfernt und wäre beinahe berühmt geworden. Bis ins frühe 19. Jahrhundert glaubte man nämlich, Cape Cornwall sei der westlichste Punkt Englands. Erst spätere Vermessungen zeigten, dass diese Ehre tatsächlich Land's End gebührt.
Und wer hätte es gedacht: Auch hier gab es früher eine Mine. Der Kamin steht noch heute. Fun Fact: 1987 kaufte die Firma Heinz...ja genau, die von Ketchup und Baked Beans...das Gelände und schenkte es dem National Trust. Am Fusse des Hügels befindet sich deshalb tatsächlich eine Gedenktafel in Form eines Heinz-Baked-Beans-Labels. Ich schwöre: Das ist kein Seich. Das ist die Wahrheit.
Nach einer kurzen Siesta in der Wohnung packen wir unser BBQ-Equipment zusammen und machen endlich das, für was wir The Brits seit Tagen beneiden. Beach BBQ. Dank der von Tricia ausgeliehenen Beach Chairs sitzen wir super bequem im Sand. Auf dem kleinen Einweggrill brutzeln Beef Skewers vom Hofladen, Halloumi und Zucchetti. Die kühle Apfelschorle rinnt refreshing die Kehle hinunter und wir befinden uns komplett im Chillaxing-Modus. Zumindest fast.
Eine besonders hartnäckige Möwe versucht nämlich wiederholt, sich ihrem vermeintlichen Nachtessen zu nähern. Während H-P den Grillmeister gibt, patrouilliere ich rund um den Grill und halte die gefiederte Bande davon ab, unser Abendessen zu konfiszieren. Interessanterweise verlieren die Möwen schlagartig das Interesse, sobald nur noch die letzten Zucchetti auf dem Rost liegen. Wählerisch auch noch!
Vermutlich hat aber auch die riesige Gruppe neben uns ihre Aufmerksamkeit übernommen. Drei Familien, ein Ghetto Blaster und Grillschalen, auf denen vermutlich eine halbe Kuh Platz hätte, lassen sich 10 Meter neben uns nieder. Als der Grillchef dort die Kohle anzündet, steigt eine Rauchwolke auf, als würden sie Rauchzeichen Richtung Amerika senden. Wir rechnen kurz damit, dass demnächst die Küstenwache oder die Luftrettung eintrifft und vorsorglich alle evakuiert.
Wenig begeistert zeigt sich unsere Nachbarin zwei Wohnungen weiter. Vom Balkon herunter erklärt sie den Verantwortlichen in unmissverständlichem Ton die örtlichen Brandschutzvorschriften. Die Grills stehen viel zu nah am Gebäude und der Rauch zieht direkt in die Wohnungen. Und jetzt ratet mal, wer seine Balkontüre sperrangelweit offen hat ...
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