Heute gehen wir für einmal getrennte Wege beziehungsweise haben komplett unterschiedliches Programm. Ich kehre an einen Ort zurück, an dem ich meine allerersten Pinselstriche und Skizzen gemacht habe. H-P sieht sich hingegen eher nicht an einer Kunstschule und macht stattdessen einen Tagesausflug nach Coverack. Auch dort lässt es sich bekanntlich hervorragend dem South West Coast Path entlanglaufen!
Unzählige Male waren wir in vielen Jahren an der St Ives School of Painting vorbeigelaufen. Praktisch jedes Mal hatte ich insgeheim denselben Gedanken: Könnte ich als absolute Anfängerin hier überhaupt einen Kurs besuchen? Immer wieder schaute ich mir die Angebote an und verwarf die Idee anschliessend wieder. Die Schule wirkte auf mich fast etwas einschüchternd. Zu renommiert. Zu viele professionelle Künstlerinnen und Künstler. Zu viele Menschen, die offensichtlich wussten, was sie taten.
H-P sprach mir über Jahre Mut zu. Den entscheidenden Schupf gab er mir 2019, als er mir einen viertägigen Kurs zum Geburtstag schenkte. Plötzlich war ich angemeldet und marschierte nervös wie am ersten Schultag Richtung Atelier. Bei der Vorstellungsrunde wurde mir damals fast schlecht. Alle anderen Teilnehmer verdienten mit Kunst ihren Lebensunterhalt. Und dann war da noch ich. Bloody Rookie from Switzerland.
Was in diesen vier Tagen passierte, werde ich nie vergessen. Die Gruppe integrierte mich vom ersten Moment an so herzlich, dass sämtliche Zweifel verschwanden. Sie fanden es grossartig, dass ich dabei war, und der damalige Tutor Ilker Cinarel baute spontan zusätzliche Übungen sowie kunstgeschichtliche Inputs für mich ein. So wurde mir die Tür in eine völlig neue Welt geöffnet, die mich bis heute begleitet. Mit einigen damaligen «Klassenkameraden» habe ich sogar heute noch losen Kontakt.
Wenn ich richtig zähle, war ich seither weitere fünf Mal an der St Ives School of Painting. Jedes Mal bei einer anderen Lehrperson, jedes Mal mit einem anderen Schwerpunkt und jedes Mal ging ich inspiriert und voller neuer Ideen nach Hause. Die meisten Workshops dauern mehrere Tage. Schliesslich geht es darum, neue Techniken, Materialien und Herangehensweisen kennenzulernen. Deshalb war ich überrascht, als ich vor rund drei Wochen online entdeckte, dass während unseres Aufenthalts ein eintägiger Workshop mit dem Titel «Liberating Landscape» stattfindet und tatsächlich noch ein Platz frei war.
Die Tutorin heisst Iona Sanders. Sie wurde im Westen Cornwalls geboren und hat den grössten Teil ihres Lebens hier verbracht. Kunst studierte sie in Bristol, begleitet hat sie sie jedoch schon ihr ganzes Leben, fast seit ihrer Kindheit. Ihre impressionistischen Interpretationen der Cornish Coast sowie ihre Stillleben fallen in jeder Gallerie sofort auf. Es sind die scheinbare Einfachheit und die kräftigen Farben, die ihre Werke zu echten Hinguckern machen.
Kurz vor neun Uhr sitzt nun heute unsere bunt durchmischte Gruppe im Empfangsbereich der Schule. Von der 17-jährigen Designstudentin bis zur 85-jährigen Künstlerin ist alles vertreten. Acht Frauen, ein Mann. Die Kursadministratorin informiert uns, dass heute «a little filming» stattfinden werde. Channel 5 drehe eine Dokumentation über Cornwall und bittet uns um die Zustimmung, gelegentlich auf dem Bildmaterial zu erscheinen. «A little filming.», klingt harmlos. Alle unterschreiben.
Wir beziehen unser Atelier, lernen Iona kennen und werden von ihrer positiven Energie sofort mitgerissen. Mich umamrmt sie zur Begrüssung, ich vermute, dass sie dachte, dass wir uns schon kennen. Kein Problem, ich umarme zurück! Der Workshop hat gerade erst begonnen, da erscheint bereits die nächste Filmcrew in der Tür. German TV ist auch noch kurzfristig da. Jetzt wird's interessant.
An einem solchen Workshop geht es übrigens überhaupt nicht darum, ein perfektes Kunstwerk zu erschaffen. Vielmehr macht man Übungen mit teilweise absurd kurzen Zeitvorgaben, z.B. zwei Minuten. Eine komplette Landschaftsskizze erhalten wir beispielsweise nur zehn Striche zur Verfügung. Es wird experimentiert, diskutiert, reflektiert und immer wieder gemeinsam analysiert.
Besonders spannend: Immer wieder arbeiten wir auch mit der nicht dominanten Hand. Dadurch werden andere Bereiche des Gehirns aktiviert und die Resultate sind ... sagen wir mal ... ganz und gar nicht galerie- oder gar fernsehtauglich. Der Safe Space für Kreativität und Ausprobieren ist dadurch plötzlich nur noch bedingt safe.
Wir versuchen die Kamerateams so gut wie möglich auszublenden. Gefühlt befindet sich jedoch bei jedem Pinselstrich eine Kamera über der Schulter oder direkt vor der Nase. Entsprechend werden zwischen den Teilnehmenden immer wieder Side-Eyes ausgetauscht und kleinere Faxen gemacht. Unser einziger Herr in der Runde wird kurzerhand für ein Interview von Channel 5 eingespannt. Auch Iona beantwortet immer wieder Fragen vor laufender Kamera und macht das mit einer Natürlichkeit, die mich komplett beeindruckt.
Irgendwann werde ich neugierig und höre bei der deutschen Crew etwas genauer hin. Untereinander sprechen sie Deutsch und ich bleib mal für den Moment Inkognito. Dann will ich es aber doch wissen und frage einfach direkt, von welchem Sender sie kommen. Alle drei schauen mich überrascht an.
«Moment mal ... Sie sprechen Deutsch?»
«Ähm ... ja. Schweizerin.»
«Wir sind vom ZDF!»
Es folgt etwas Smalltalk und schon kommt der Vorschlag, ob wir nicht ebenfalls noch ein kurzes Interview auf Deutsch machen könnten. Nope. Sorry, ich bin zum Malen hier, aber vielen Dank für's Fragen. Meine Favorite Lunch-Spots teile ich dann aber schon noch mit ihnen, damit sie was anständiges zwischen die Zähne bekommen. Hoffentlich haben sie kurzfristig einen Tisch im Porthmeor Beach Café ergattert!
Aus dem angekündigten «a little filming» wurde bei Channel 5 übrigens ein ganztägiger Einsatz. Bis zur letzten Kursminute war irgendwo eine Kamera unterwegs. In der Abschlussrunde stellte sich dann heraus, dass wir an unserem Tisch mit unserer Wahrnehmung nicht allein waren. Die meisten Teilnehmenden fanden das Ganze leicht «over the top». Gleichzeitig verstehen wir natürlich auch die Schule. Solche Gelegenheiten bekommt man nicht alle Tage.
Meine Mitstreiter waren wieder grossartig. Iona war absolute Weltklasse. Gelernt habe ich unglaublich viel und ehrlich gesagt hätten wir problemlos noch zwei oder drei zusätzliche Tage dranhängen können. In einem Punkt waren wir uns am Ende ebenfalls alle einig: Wir wären sehr gerne länger geblieben. Aber vorzugsweise ohne die Freunde vom Fernsehen.
Und was hat H-P währenddessen gemacht? Seine Tageszusammenfassung lautet:
«Wandern, Drohne fliegen, Pasty am Beach essen, Skulpturen-Park besuchen - es war top!»
Okee! Alles klar. Effiziente Zusammenfassung!
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